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Der einbeinige Erpel

Schlagt das Buch auf, drückt auf den grünen Knopf – und hört zu, wie aus einem ganz normalen Donnerstag eine Geschichte wird. Wer mag, liest einfach mit: Das Buch blättert von selbst um.

Wie Ihr Geschichten (er)findet

Der einbeinige Erpel

eine Kurzgeschichte von Dirk Schaary

Die besten Ideen für eine schöne Geschichte findet ihr überall, zu jeder Zeit, ganz nah um Euch herum. Ihr benötigt nur drei Dinge: Augen, Ohren und ein wenig Fantasie.

Ein kurzes Beispiel:

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Vor einigen Wochen, es war an einem Donnerstag, da saß ich in der Tierarztpraxis von Veterinär Dr. Wolle, genauer gesagt, ich saß in seinem Wartezimmer. Mit mir an meiner Seite wartete mein roter Kater. Er sollte eine Wurmkur bekommen. Natürlich hatte ich ihm das nicht erzählt, sonst wäre er vermutlich nicht mitgekommen und hätte sich stattdessen irgendwo versteckt.

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Wenn ich meinen Kater rufe, rufe ich laut: »CAMINO!« Ob sein Name tatsächlich Camino lautet, weiß ich natürlich nicht, denn er hat es mir bisher nicht verraten. Aber wenn ich »CAMINO!« rufe und dazu kräftig mit der Futterdose klappere, kommt er sofort angerannt. Also nehme ich an, dass ihm der Name gefällt (oder das Futter schmeckt).

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Das Wartezimmer von Veterinär Dr. Wolle ist nichts Besonderes, eben ein ganz normaler Raum: quadratisch, hell, freundlich, dazu riecht es nach Zoo und Desinfektionsmittel. An den Wänden hängen Poster, die mit bunten Reißzwecken befestigt sind. Auf ihnen gibt es Hunde, Hamster, Katzen, Vögel und sogar ein Nashorn mit Baby zu sehen.

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Mit uns warteten jede Menge andere Patienten. Darunter: ein Fisch, drei Hunde, zwei Katzen, ein Wellensittich, zwei Kaninchen bis hin zu einer exotischen Vogelspinne. Die tierischen Patienten saßen oder lagen vor ihren Frauchen oder Herrchen. Sie hockten auf dem Schoß, dem Boden, in Tragetaschen oder in Käfigen. Die Spinne lauerte in einem Terrarium, und der Fisch schwamm in seinem Aquarium.

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Manche Tiere waren ruhig und störten sich an nichts und niemandem – komme, was wolle. Andere wiederum waren ängstlich. Sie zitterten vor Aufregung wie elektrische Zahnbürsten, hatten Herzklopfen oder Schluckauf. Ebenso erging es manchen von ihren Frauchen und Herrchen.

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Wir hatten noch drei Patienten vor uns, eine Katze und zwei Hunde, als ein freundlicher Herr mit einem Erpel (so nennt man eine männliche Ente) das Wartezimmer betrat und neben Camino und mir Platz nahm. Camino machte einen Buckel in seiner Tragetasche und murrte kurz.

Der Erpel musste zur Nachuntersuchung: Er besaß nur ein einziges Bein, wo eigentlich zwei hätten sein sollen.

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»Wieso hat dieser Erpel nur ein Bein?«, fragt ihr Euch. Tja, die gleiche Frage habe ich mir natürlich auch gestellt. Und weil mir keine rechte Antwort einfallen wollte, jedenfalls keine, die ich für passend hielt, bat ich den freundlichen Herrn um Auskunft.

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Wie sich herausstellte, war der einbeinige Erpel einige Wochen zuvor in einen Maschendraht geraten. Dabei war sein zweites Beinchen so arg verletzt worden, dass man es nicht mehr herrichten konnte. »Eine wirklich traurige Geschichte«, dachte ich.

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Doch glaubt es oder nicht: Dem Erpel ging es trotzdem ausgesprochen gut, was er auch lauthals durch sein aufgewecktes Schnattern kundtat. »Schaut her, ich habe nur ein Bein, doch es ist schön wie zwei!« So oder so ähnlich hörte sich sein Geschnatter für mich an. Es schien sogar, als würde er sein fehlendes oder, wie wir in unserer Gegend sagen, »appes Bein« nicht einmal vermissen. Außerdem hatte er ja seinen Pfleger, der sich treu und gutherzig um ihn kümmerte und ihm half, wo es nötig war.

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Auf dem Nachhauseweg – Camino hatte seine Wurmkur tapfer über sich ergehen lassen und war (ein wenig beleidigt) auf dem Beifahrersitz eingeschlafen – kreisten meine Gedanken ständig um den einbeinigen Erpel. Ich dachte: »Wenn der einbeinige Erpel im Teich herumschwimmt, schwimmt er dann nur im Kreis?«

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Oder: »Was macht der einbeinige Erpel an Land, wenn seine Kameraden ein Stück Brot entdeckt haben? Hüpft er aus dem Teich heraus auf einem Bein den Kameraden hinterher, wie Kinder beim Hüpfekästchen spielen? Schläft er auf dem Bauch? Oder steht er wie ein Flamingo auf einem Beinchen?«

Der einbeinige Erpel war wirklich etwas Besonderes, das muss ich schon sagen.

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Ihr seht: Geschichten entstehen überall, zu jeder Zeit. Durch Beobachten, Zuhören und mit einer Prise Fantasie könnt ihr Eure Erlebnisse zu Geschichten machen.

Versucht es doch auch mal! Nehmt Stift und Papier oder Euren Computer und schreibt Eure Erlebnisse zu Geschichten auf. Das wird sicher toll.

Euer
Dirk Schaary

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Für Eltern: Die Hörfassung dauert gut fünf Minuten. Ohne eingeschaltetes JavaScript stehen der vollständige Text und der normale Audioplayer des Browsers zur Verfügung. Es werden keine Daten an Dritte übertragen – die Tondatei liegt auf dieser Website.